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Sauerei - Microsoft verlangt Eingriff in Pressefreiheit
Peter Schulze am 30. Mai 2006.
Das ist ja wohl die Höhe!
Da verlangt Microsoft doch tatsächlich von den Redaktionen, die die Vorabversion von MS Office 2007 Beta auf eine Heft-CD bringen wollen, dass zum einen keine andere OpenSource veröffentlicht wird, als auch dass die Artikel dieser Redaktionen zum neuen Office vor der Veröffentlichung durch Microsoft zensiert werden! (siehe gesamte Meldung der “Computerbild” in unserem Pressespiegel unter http://www.open-business-network.com/openbn/1278266-111-Tcontent,1,0.html )
Wovor hat denn Microsoft Angst?
Na sicherlich vor unsachgerechter Darstellung und der Ableitung falscher Schlußfolgerungen. Insofern kann ich die Sorge ja verstehen - immerhin ist es eine Beta-Version. Es kann also unfertige Routinen und event. Programmabstürze geben. Vielleicht gibt es auch Funktionen, die erst mit dem neuen Microsoft Betriebssystem Vista richtig funktionieren und vor allen Dingen Sinn machen. Daraus dann zu schlussfolgern, dass das gesamte neue Office unreif wäre, wäre zugegebenermaßen unsachlich.
Ich vermute da aber noch andere Gründe:
Vielleicht sind die Fortschritte der neuen Version Office 2007 eher marginal im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten, die ja billiger und im Falle von OpenOffice ja auch kostenlos sind.
Wie anders sollte man da verstehen, dass Microsoft den Vertrieb von OpenOffice auf der gleichen Heft-CD per Vertrag unterbinden will?
Es ist für mich als Anwender ohnehin nur noch schwer nach zu vollziehen, was z. B. eine Textverarbeitung noch alles können soll.
Multimediale Integration und Interoperation wird wohl ein Zukunftsbereich sein.
Ergonomie im Sinne der intuitiven Bedienbarkeit kann ein weiteres Gebiet sein, in dem Verbesserungen erreicht werden.
Ein weiterentwickeltes Dateiformat im XML-Standard wird ein anderes Thema sein.
Doch was hat ein Durchschnittsanwender davon? Mehr Leistung? Mehr Flexibilität? Größere Effizienz? - Ich wage das zu bezweifeln!
Als EDV-Lehrer, der seit 20 Jahren u.a. auch massiv Microsoft-Produkte unterrichtet hat, weiß ich aus Erfahrung, dass selbst eine intensive Ausbildung von mehr als 200 Stunden nicht dazu führt, dass ein Anwender alle Möglichkeiten der Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation beherrscht und vor allen Dingen auch danach in der Praxis anwendet! Der Durchschnittsanwender kennt im Idealfall zwischen 60 bis 80 Prozent der Möglichkeiten, nutzt aber nur maximal 40 bis 50 Prozent der Möglichkeiten. Glauben Sie nicht? Wann haben Sie das letzte Mal ein Inhaltsverzeichnis anhand von Gliederungsebenen erstellt?
Vor einigen Jahren waren noch Technologien ein tatsächliches Kaufkriterium. Ich erinnere da an die Einführung der WYSIWYG-Technologie - What You See Is What You Get - also der Text sieht auf dem Bildschirm schon genau so aus, wie er dann gedruckt wird, oder die Technologie des Dynamic Data Exchange DDE oder des Object Linking and Embedding OLE, die fremde Objekte in ein Dokument einbetten lässt und die Daten stets aktuell darstellt, auch wenn sie extern geändert wurden. Und in der Tabellenkalkulation gab es neue Funktionen, leistungsstarke Analyse- und Darstellungstools usw.
Mittlerweile jedoch, wo diese Technologien funktionieren und der Anwender einfach produktiv sein will, zählen auch Kriterien wie das Preis-Leistungs-Verhältnis. Denn wenn ich nur einfache Texte schreiben will, ist es eigentlich völlig uninteressant, mit welchem Programm ich das tue, wenn die Texte genauso schnell und genauso gut erstellt werden und das zu einem geringeren Preis.
Ich vergleiche die Situation im Office-Markt immer mit einem Besteck. Um kultiviert Essen zu können, brauche ich ein Besteck - aus Gabel, Messer, Löffel. Ich habe also Werkzeuge, die einem Zweck zuzuordnen sind. Die Materialien haben sich, wie auch die Form, ja vielleicht sogar die Technologien im Sinne von “besser Löffeln”, “besser Gabeln” und “besser Schneiden” im Laufe der letzten Jahre geändert. Aber nun sind sie nahezu ausgereizt, doch auch in Zukunft wird es da Verbesserungen geben - z. B. Nanotechnik - Besteck, an dem nichts mehr festkleben wird - verspricht ein “viel besseres Löffelerlebnis”! Dennoch, wenn ich einfach nur Löffeln will, da ist mir die Bauart des Löffels Wurscht - Ich habe Hunger und will das Essen aus dem Teller in den Mund transportieren! Das kann ich mit einem Plastelöffel genauso, wie mit einem aus Gold. Wenn ich nun Hersteller von Goldlöffeln bin, muss ich mir was einfallen lassen, damit recht viele Menschen meine goldenen Löffel kaufen, möglichst selbst dann, wenn selbst das Essen, was sie dann löffeln, billig ist (oder sein muss, weil sie keine Kohle für gutes Essen mehr haben).
Und so kommt es, dass Microsoft zu diesen Mitteln greifen muss! Microsoft bemüht sich doch schon seit Jahren auch in Deutschland um Kunden durch Lobbyismus, Förderprogramme, Spenden etc. Setzen bereits Schulen Microsoft-Produkte ein, werden Kundenbindungen geschaffen. Das ist alles legal!
Wenn nun aber die Pressefreiheit angegriffen wird, man sich die Berichte zurechtbiegen will, Konkurrenz unzulässig ausschließen will und (das finde ich, ist eine Beleidigung) den Redaktionen von Computer-Zeitschriften von Vornherein Unsachlichkeit und Inkompetenz zuspricht, dann geht Microsoft eindeutig einen Schritt zu weit!
Ich finde es deswegen auch gut, was “Computer-Bild” macht, nämlich sich dieser Vergewaltigung durch Microsoft nicht zu beugen und ich werde sehr genau beobachten, welche Computer-Zeitung sich zur Hure von Microsoft machen lässt.
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