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Unwörter und ihr Unsinn

Peter Schulze am 7. November 2007.

Liebe Blogger,

in letzter Zeit lese ich in Wirtschaftsjournalen und Politmagazinen immer wieder neue Wortschöpfungen, die ich bis dato nicht kannte. Nun ist Unwissenheit keine Schande, sofern man bereit ist, dazu zu lernen.. Aber offensichtlich kennen es die Wortschöpfer selbst nicht.

Ein solches Unwort, über dessen Sinn oder Unsinn ich mich ärgere, ist das Wort PREKARIAT.

Ich weiß nicht, wer es als erstes in die Medien schleuste, aber seit ca. einem halben Jahr, geistert es in den Publikationen diverser Verlage und Nachrichtenagenturen herum. Und auch Wissenschaftler bedienen sich dieses Wortes und meinen, dadurch besonders gescheit zu sein.

Es kann natürlich auch sein, dass diese Leute wirklich das Wort genau so meinen, wie es vom Wortstamm her Bedeutung hat. Doch das ist nicht minder schlimm.

Nicht zuletzt, kann es auch sein, das ich zu blöd bin und dank meiner minderen Allgemeinbildung das alles nicht verstehe. Aber ich gebe mir Mühe.

Also habe ich mich aufgemacht und online unter www.duden.de nachgeschaut. Und siehe da, der Duden kennt dieses Wort nicht mal. Dort können wir allerdings das Wort “prekär” nachlesen: “durch Bitten erlangt; widerruflich; unsicher, heikel …”

Anders bei Wikipedia. Dort konnte man lesen, dass es sich um ein Kunstwort handelt, ähnlich Proletariat, welches sich aus dem Wort prekär herleitet. Aber bei Wikipedia kann man noch mehr erfahren, nämlich, dass es sich um einen Begriff aus der Soziologie handelt, der eine neue Art der “Unterschicht” beschreibt. Soweit ich das verstanden habe, werden damit die Menschen beschrieben, die nicht in abhängigen Arbeitsverhältnissen stehen und die Verantwortung für ihre soziale Situation durch die Gesellschaft selbst aufgebürdet bekommen haben.
Oder wie ich es sagen würde, handelt es sich um die tausenden Menschen, denen man einredet: “Du bist selbst Schuld an deinem Elend, denn du hast es selbst in der Hand gehabt.”

Diese Menschen gibt es in allen Schichten der Bevölkerung - das kann der ehemalige Angestellte sein, der nach 20 Jahren entlassen wurde und nun nicht mehr weiß, wie man sich selbst verkauft und auch nichts von sich selbst zu verkaufen hat, weil er von seinem Bildungsstand her nicht mehr in die neuen Anforderungen passt. Das sind auch die Hartz IV-Empfänger und 1-Euro-Jobber. Das kann auch der gescheiterte ehemalige Geschäftsführer eines kleinen oder mittelständigen Unternehmens sein, der rausgehauen wurde und nun (”Ich bin ja Manager und kann mich wenigstens selbst managen!”) irgendwelche “Berater” oder “Vertriebler” oder “Trainer” sind und sich nun selbst ausbeuten und vermarkten. Und das kann auch die ehemalige Hausfrau sein, die nun “auf eigenen Beinen …” stehen will/muss und nach dem Motto “working poor” für 3,95 Euro/Stunde in irgendwelchen Schnellimbißketten, Läden, Kiosken, Minifirmen oder auch als “Handelsvertreter” etc. jobben.

Nur damit das klar ist: Ich beschreibe nur, was der Begriff “Prekariat” meint. Ich selbst achte alle diese Menschen und habe Respekt vor ihrem Ehrgeiz und ihrer “Steh-auf-Männchen”-Mentalität.
“Prekariat” soll ein Begriff für die “neue soziale Unterschicht” sein, die sich früher zu Zeiten des Hochkapitalismus fast ausschließlich aus den arbeitslosen ehemaligen Angestellten/Arbeitern/Bauern zusammensetzte. Da sich aber in den letzten 30 Jahren in der Gesellschaft alle Seiten immer mehr aus der gesellschaftlichen Verantwortung füreinander stehlen, wird den Menschen permanent deutlich gemacht: Du bist für dich selbst verantwortlich! Und wenn es nicht klappt, dann bist Du selbstverschuldet arm. Und für diese Leute gab es einfach keinen Begriff! Früher gab’s “Klassen”, aber “Klassenkampf” hört sich so brutal an. Viel besser ist es, man schafft da neue Begriffe, die die meisten Betroffenen ohnehin nicht verstehen. Da kommen sie auch nicht auf dumme Gedanken, von wegen “Klassenkampf” und so. Schließlich bist du ja selbst dran schuld, dass es dir schlecht geht!
Was mich jedoch trotzdem noch nachdenklich macht (und deswegen der ganze Blogartikel): Warum wird diesen Menschen der Begriff “Prekariat” zugeteilt, der ja (siehe Duden) sich von dem Wort “prekär”, also von “unsicher, heikel” ableitet?

Für wen sind diese Menschen denn “unsicher” oder gar “heikel”? Die Steigerung davon ist nämlich schon “GEFÄHRLICH”!

Schätzt die Gesellschaft das “Prekariat” denn als “unsicher”, “heikel” oder gar “gefährlich” ein?

Wen gefährdet das “Prekariat”? Sich selbst? Oder gar die Gesellschaft? Vielleicht das ganze System?

Haben Sie eine eigene Meinung?

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1 Kommentar

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#1. November 8th, 2007, at 1:28 PM.

das kann man nicht alles glauben

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